Der Weg zum Offizier [Tag 3]

Am Tag zuvor wurden wir eingekleidet und hatten in Grundzügen gesagt bekommen, dass wir stehen, gehen und laufen neu lernen müssen. Die letzten 20 Jahre, nahm ich an, hätte ich das bereits ganz gut hingekriegt.

Aus Sicht der Unteroffiziere war meine Annahme jedoch falsch. Dementsprechend malte ich mir auch den für unseren Zug zuständigen Hauptmann als jemanden aus, der mir erstmal erklären würde, was ich alles nicht kann. Ich hätte mich in ihm nicht mehr irren können.

Bereits am dritten Tag gingen wir nicht in einen Unterrichtsraum rein, sondern rückten ein. Noch ein Begriff der militärischen Sprache, die wir uns schnell zu eigen machten. Dort warteten wir auf den Hauptmann, damit er seine einleitende Präsentation machte. Er entsprach schon äußerlich nicht dem Klischee eines Ausbilders. Er sprach deutlich, rollte leicht bayerisch das R, aber wurde nicht laut. Seine Haltung und seine Gestik vermittelte eindeutig: “Ich habe es nicht nötig euch anzubrüllen.” Und obwohl diese Stunde mit dem Hauptmann nicht als Unterrichtseinheit auf dem Dienstplan eingetragen war, habe ich bis heute das Gefühl, dass es eine der wichtigsten Unterrichtsstunden meiner militärischen Ausbildung gewesen ist.

“In einem Jahr”, begann er, “erwartet die Führung von euch, alles gelernt zu haben, was einen Offizier ausmacht. Dann bekommt ihr das Offizierspatent und werdet schrittweise ganz automatisch zum Leutnant befördert.”

Ein Grinsen und drei vier selbstzufriedene Kommentare gingen durch den Raum.

“Ihr müsst also alles schon selbst können und mich wird es nicht geben, um euch bei euren Problemen zu helfen. Ab heute lautet deshalb euer Auftrag: Löst eure Probleme gefälligst selbst. Mich könnt ihr gerne fragen und um Hilfe bitten, wenn ihr scheitert oder die Rangordnung euch blockiert. Aber wagt es nicht in meinem Büro aufzutauchen und mir ein Problem aufzutischen ohne mindestens einen durchdachten Lösungsvorschlag.”

Diese Sätze des Hauptmanns haben sich bei mir eingebrannt, denn sie fassen in einer seltenen Präzision die Hauptaufgabe der Offiziers zusammen: Er muss Probleme lösen. Und hier geht es nicht nur um den militärischen Offizier, sondern um jeden Menschen in unserer Gesellschaft, der Verantwortung übernimmt. Der Ausbilder im Handwerk, der Lehrer in der Schule, der Schichtleiter in der Fabrik und der Manager in der Bank. Alle sind sie Offiziere in ihrem Feld und alle haben sie den gleichen Auftrag: ihre Probleme selbst lösen. Nicht die Ornamente auf den Schultern machen uns zu Offizieren, sondern unsere Einstellung und dass wir nicht mit einem Problem zu unserem Chef gehen, sondern mit einer möglichen Lösung.

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