Der Weg zum Offizier [Tag 6]

Der Weg zum Offizier [Tag 6]

Traditionell wurde am ersten Wochenende des Lehrgangs ein Turnier veranstaltet, bei dem sich die Soldaten kennen lernten und in verschiedenen Disziplinen gegeneinander antreten mussten. Es gab jedoch keine Einzeldisziplinen und man konnte immer nur als Gruppe einen Wettkampf gewinnen. Am Ende jedes Abschnittes wurden Punkte vergeben und am Ende des Turniers konnte so ein Siegerteam ausgerufen werden.

Zusammen mit den anderen Gruppen des Lehrgangs schlugen wir unser Lager in einem kleinen Waldstück auf. Direkt daneben gab es eine Hindernisbahn für den Standardwettkampf der Bundeswehr und eine große freie Fläche für weitere Wettkämpfe. Zwei Tage lang sollten wir uns nun messen und darüber hinaus eine ganz unerwartete Lektion mitnehmen.

Das Turnier begann

Entsprechend unserer Fähigkeiten und individuellen Spezialisierungen teilten wir uns selbst für die einzelnen Disziplinen des Turniers ein. Die Leichtathleten sollten die schnellen Sprints meistern, die großen Starken sollten Baumstämme schleppen und sogar ein Fahrzeug ziehen. Jene, die sich schnell etwas merken konnten, mussten Funksprüche entgegennehmen und entziffern. Beim Hindernislauf, den wir alle zusammen bestehen mussten, halfen wir einander. Unsere Ergebnisse waren gut und wurden im Laufe der Wettkämpfe sogar besser. Schnell wurde klar, dass nur eine andere Gruppe mit uns mithalten konnte. Dies spornte uns natürlich noch mehr an und es entfachte wilde Wettkampfstimmung in uns. Abwechselnd gewannen wir und unsere Konkurrenten die einzelnen Disziplinen und kaum hatte eine der Gruppen einen Vorsprung, holte die andere schon wieder auf. Es war spannend und wir wollten unbedingt gewinnen.

Ein Punkt fehlte. In der letzten Disziplin wurden die Punkte nach Bestzeiten vergeben und etwas mehr als drei Sekunden war der Unterschied. Wir hatten verloren, mit einem Punkt Rückstand bei der Gesamtwertung des Turniers. Aber das Turnier war dennoch gelungen und wir waren mit unserer Leistung mehr als zufrieden. Nach der Siegerehrung gingen wir zu unseren Zelten und waren noch euphorisch und positiv, klopften uns gegenseitig auf die Schultern und lobten die Leistungen der Gruppe. Der zweite Platz ist gut.

Die Ernüchterung

“Der zweite Platz,” fing unser ausbildender Hauptfeldwebel (ein Unteroffizier) an, “bedeutet im Krieg, dass ihr alle tot seid.” Er hatte unsere Gruppe antreten lassen und war offensichtlich unzufrieden. Es waren nicht unsere Leistungen, die ihm nicht gefallen haben, sondern unser Umgang mit dem zweiten Platz. Im Krieg gibt es keine Silbermedaillen und in einem Gefecht gibt es höchstens einen Gewinner. Nicht immer ist es Olympia und deshalb sollte man vor einem Wettkampf oder einem Wettbewerb auch auflisten, welche Konsequenzen der vermeintliche gute zweite Platz mit sich bringt. Der gute zweite Platz ist manchmal eine echte Tragödie.

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