Der Weg zum Offizier [Tag 7]

Gerade einmal sechs volle Tage war es her, dass die Offiziersausbildung begonnen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt in unserem Leben als junge Mitteleuropäer hatten wir eine sehr eindeutige Ausrichtung: Individualismus. Jeder von uns war gut auf einem bestimmten Gebiet. “Ich bin spezialisiert”, hätte ich damals gesagt. Und mit dieser Einstellung waren wir auch in das Turnier der Inspektion hineingegangen.

Die Freude über die schnelle Überwindung der Hindernisse verflog jedoch schnell, als klar wurde, zu welchem Preis wir diese Leistung eingebracht hatten.

Die Verletzung

Ein Kamerad hatte beim letzten Hindernis als einer der Stärkeren dabei geholfen das Gepäck der anderen entgegenzunehmen und weiter zu geben. Dabei verfing sich die Schlaufe eines Rucksacks an seinem Stiefel, zog ihn mit und er knickte am Fußgelenk ein. Um die Teamleistung nicht zu gefährden, rannte er trotzdem weiter zur Schlusslinie. Direkt dahinter ließ er sich fallen – sein Fuß war so dick geworden, dass er keinen Schritt mehr machen konnte. Auch Dank seines Einsatzes belegten wir den zweiten Platz in der Gesamtwertung.

Im Anschluss erreichte das Wochenende seinen Höhepunkt: der Rückmarsch zur Kaserne. Der verletzte Kamerad wurde auf eine Trage gelegt und wir sollten ihn im Eilschritt tragen. Da war er, dieser große starke junge Mann, der zuvor noch das Team mitgetragen hatte und nun selbst hilflos auf der Trage lag und sich Vorwürfe machte, weil wir ihn tragen mussten. Nein, er hatte nichts falsch gemacht und gerade in unserem Beruf ist ein solcher Ausfall möglich, ja sogar wahrscheinlich. Dieser einstündige Eilmarsch im Regen, nach einem anstrengenden Turnier, lehrte uns, dass Individualismus und unsere Spezialisierungen nur dann von Nutzen sind, wenn wir eine zugeschnittene Aufgabe bekommen, wie beim Wettkampf. Im realen Leben jedoch sind wir vollends voneinander abhängig und die Gruppe wird stets stärker sein. Diese Gruppenstärke ist dann besonders wichtig, wenn der vermeintlich Stärkste plötzlich selbst ganz schwach ist.

Die Stärke der Gruppe

Seitdem erinnere ich mich stetig selbst daran, dass die Kette nicht so schwach ist, wie ihr schwächstes Glied, sondern nur so stark, wie der Zusammenhalt.

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