Von der Wichtigkeit der richtigen Definition

„Semantischer Purist!“, sagte Elena zu mir nachdem ich minutenlang bis ins kleinste Detail geschildert hatte, was das Wort Strategie ursprünglich bedeutete und warum es so wichtig ist, diese Bedeutung wieder aufleben zu lassen. Elena Chabbi ist Marketing Expertin, spricht vier Sprachen und wird als Freelancer von großen Unternehmen bezahlt, um beim Labeling von neuen Produkten zu helfen. Sie versteht also etwas davon, Dingen den passenden Titel zu geben. Als sie mich zum „semantischen Puristen“ kürte, empfand ich es deshalb als Kompliment.

Sie konnte zwar meine Faszination für das Wort „Strategie“ nicht teilen, stimmte mir aber im Kern zu, dass wir bestimmte Konzepte gänzlich verlieren, wenn wir ihre Bezeichnung umfunktionieren und sie dessen berauben. Das berühmteste Beispiel liefert und der Autor George Orwell in seinem berühmten Roman 1984. Dort soll das Wort „Freiheit“ schrittweise aus dem Sprachgebrauch verschwinden bzw. umfunktioniert werden. Wenn dies erstmal vollzogen ist, gelingt es den Menschen nicht mehr das Konzept der Freiheit, so wie wir sie heute kennen, zu verstehen, zu schätzen und erst recht nicht einzufordern. Genau dieses schwere semantische Schicksal ist dem Begriff „Strategie“ widerfahren.

Tausende Berater und Professoren für Wirtschaft haben dies herbeigeführt, indem sie den Begriff inflationär benutzten, ihn als Synonym missbrauchten, um ihre Aufsätze zu verschönern und fehlleitende Begriffe wie „Niedrigpreisstrategie“ und „Hochpreisstrategie“ eingeführt haben. Der Berater, der seine Dienste bewirbt, hilft Ihrem Unternehmen nicht einfach bei der Planung, er berät sie strategisch, hilft Ihnen bei der Erstellung der passenden Strategie für ihr Vorhaben und optimiert ihre Strategie. Manche Unternehmen fassen ihre Strategie in einem Satz zusammen und auch ich habe den Begriff früher sehr oft falsch verwendet. Ich sehe ein, dass die meisten Menschen nunmal ein bestimmtes, gut durchdachtes Vorgehen damit verbinden. Dies ist erstmal kein Problem. Unangenehm ist jedoch, dass das ursprüngliche Konzept hinter dem Begriff verloren gegangen ist und wir kein anderes Wort dafür benutzen.

Strategie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet übersetzt die „Kunst des Feldherren“, also könnten wir auf Deutsch auch „Führungskunst“ sagen. Hier sollte schon auffallen, wie absurd die zuvor genannten Beispiele für mich klingen. Niemand würde sagen, dass sein Unternehmen eine „Niedrigpreis-Führungskunst“ fährt. Auch wird niemand auf die Idee kommen die „richtige Führungskunst für den Markteintritt aufzustellen“. Es mag kleinlich klingen und Sie können es auch gerne als Pedanterie abtun, aber die Folgen dieser Betrachtung sind gravierend für Ihr Unternehmen und können Ihnen viele Tausend Euro kosten oder sparen.

Wenn wir den Begriff „Strategie“ durch „Führungskunst“ ersetzen und bedenken, dass Führung die Planung, Organisation und Menschenführung in einem Projekt umfasst, decken wir ganz andere Handlungsnotwendigkeit in unserem Geschäft auf.

Die Führungskunst ist die Fähigkeit einen siegreichen Plan aufzustellen und umzusetzen und auf unerwartete Wendungen im Geschehen angemessen zu reagieren. Wenn Sie nun an Ihrer Führungskunst arbeiten, bedeutet dies, dass Sie sich weiterbilden, um diese ganz besondere Fähigkeit auszubauen. Dies ist um ein Vielfaches nachhaltiger als nur einen Plan für die Produktpreise festzulegen.

Darüber hinaus wird jetzt deutlich, dass es sich bei dieser Fähigkeit um eine Kunst handelt. Sie können Strategie also nicht in einem theoretischen Seminar in fünf Arbeitsstunden erlernen und auch nicht an der Universität eine passende Vorlesung besuchen. Sie müssen die Theorie lernen, aber vor allem praktisch anwenden, um ihre Führungskunst zu verbessern. Ein guter Stratege ist ein praktischer Macher, der viel Erfahrung hat und von Außen wirkt diese Person wie ein Hellseher, weil er Probleme scheinbar voraussieht und gelassen passende Lösungen anwendet. Dahinter verbirgt sich jedoch sehr viel Erfahrung. Der gute Führungskünstler hat schon viele Problemsituationen in vielen verschiedenen Projekten erlebt und war für die Entscheidungen verantwortlich. Er hat schon viele Fehler gemacht und gelernt, was funktioniert und was nicht funktioniert.

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