Warum andere Sprachen lernen?

Warum andere Sprachen lernen?

Neulich stellte ich fest, dass sich einige sehr ernst zu nehmende Startups mit der Sofortübersetzung von gesprochener, geschriebener oder gehörter Sprache beschäftigen. In Zukunft…

…wird es also nicht mehr notwendig sein, eine Sprache über Jahre zu lernen, weil man sich einfach einen Knopf ins Ohr stecken wird, wenn man nach Asien fährt. Dann wird alles, was man hört, direkt in die eigene Muttersprache übersetzt. Das klingt großartig und es wird ohne jeden Zweifel unsere Welt enger zusammenrücken lassen und die Kommunikation mit fremden Kulturen erheblich erleichtern. Allerdings behaupte ich, dass diese technologischen Lösungen niemals das Lernen fremder Sprachen und die daraus resultierenden Vorteile ersetzen können.

Wenn wir eine fremde Sprache lernen, trainieren wir unser Gehirn unglaublich intensiv. Dieses Training lässt uns neue Synapsen miteinander verbinden und steigert somit auch unsere Denkfähigkeit allgemein, nicht nur in der fremden Sprache. Wir lernen viel mehr zu hinterfragen, was wir und wie wir es sagen und dies ist ein wichtiger Schritt, um besser zu kommunizieren. Indem wir eine neue Sprache lernen, üben wir uns verständlich auszudrücken und das hilft nicht nur, wenn wir mit anderen Menschen reden. Es hilft uns tatsächlich auch auf ganz persönlicher Ebene, weil wir unsere Gedanken bewusster sortieren und artikulieren und sie somit aus dem Unbewussten oder dem Unterbewussten nach oben ins Bewusste holen. Dadurch verstehen wir uns selbst besser.

Es gibt aber auch einen anderen sehr wichtigen Aspekt beim Erlernen neuer Sprachen. Jede Sprache hat ein eigenes Muster, eine bestimmte Methode, um Gedanken auszudrücken. Die Sprache spiegelt die Denkweise ihrer Nutzer wider. Sie beeinflusst außerdem allgemein die Fähigkeit Konzepte zu verstehen oder umzusetzen.

Dies ist natürlich nicht meine These. Ernstzunehmende Sprachwissenschaftler beschäftigen sich mit dieser Theorie, aber leider konnte sie noch nicht endgültig bewiesen werden. Und hier ist ein wirklich gutes TEDEd Video, welches die Zusammenhänge erklärt:

In meinen Augen sind die großen Meister der Literatur ein Beweis dafür: Proust, Tolstoi, Goethe. Wären ihre Werke auf einer anderen Sprache überhaupt möglich gewesen? Warum lernen manche Menschen Russisch, nur um Krieg und Frieden im Original zu lesen? Warum hat ausgerechnet Proust eine Gedankenreise durch die verlorene Zeit vollzogen und Goethe eine der berühmtesten philosophischen Auseinandersetzungen mit Mephisto geschrieben? Kann es sein, dass diese Gedankengänge nur in der jeweiligen Sprache möglich waren? Wie erklärt man das Klischee, dass deutschsprachige Menschen analytisch, berechnend und pünktlich sind, solange Franzosen allgemein romantisch, chaotisch und rebellisch sind? Keiner kann es abschließend sagen.

Deshalb werden Menschen, die mehrere Sprachen tatsächlich beherrschen, auch ein breiteres Spektrum an Gedankenkonstrukten verstehen und einsetzen können. Deshalb wird kein Tech-Startup der Welt, welches Instant-Translation anbietet, jemals die Vorteile des klassischen Sprachenlernens überbieten können.

Nun bleibt die Frage: Welche Sprache lernen Sie als nächstes?

Schreibe einen Kommentar